Ein Hybrid-Synth, der einfach nicht stillsitzen will.
Ein Synth, der nicht weiß, wann er aufhören soll
Der Minilogue XD fühlt sich an wie das Synth-Äquivalent einer Band, die sich weigert, sich zu verkaufen — analoge Knochen, digitales Blut und ein Look, der sagt: Ja, ich gehöre sowohl auf die Bühne als auch in deine chaotische Wohnung. Er ist teils Fortsetzung, teils Upgrade und ganz Attitüde — er nimmt alles, was der ursprüngliche Minilogue gut gemacht hat, und injiziert gerade genug Chaos, um ihn auf die bestmögliche Weise unberechenbar zu machen.
Sound-Engine: Ein bissiger Mischling
Zwei analoge Oszillatoren pro Stimme liefern dir die klassischen Sägezahn-, Dreieck- und Pulswellen, die du erwartest. Das klingt warm, gesättigt und für etwas in dieser Preisklasse überraschend kräftig.
Doch dann packt Korg noch diesen dritten Oszillator dazu — die Multi-Engine. Hier wird es auf gute Weise seltsam. Sie ist zwar digital, wirkt aber nicht klinisch. Du bekommst:
-
Noise (fein abstimmbar für Lo-Fi-Beats oder texturreiche Pads)
-
VPM (Variable Phase Modulation — im Grunde der kantige Cousin von FM)
-
Benutzerdefinierte User-Oszillatoren (ja, du kannst deine eigenen laden. Nur zu.)
Es ist, als würde man einen alten Röhrenamp mit einem Glitch-Pedal kombinieren, das leicht kaputt ist, aber irgendwie trotzdem musikalisch bleibt.
Eingebaute FX: Raum und Schmutz auf Abruf
Der Stereo-Effektbereich ist kein nachträglicher Gedanke. Das Delay ist knackig, der Reverb üppig, und die Modulationseffekte können von subtiler Bewegung bis hin zu einem kompletten VHS-Schmelzpunkt reichen. Du kannst mehrere Effekte gleichzeitig stapeln — genug, um deinen Sound in etwas Filmisches oder geradezu Gespenstisches zu verwandeln.
Das Beste daran? Alles ist stereo. Deine Pads schimmern also, deine Sequenzen atmen, und selbst einfache Patches wirken breitwandig.
Bedienoberfläche: Schlank, direkt und kein Menü-Höllenritt
Korg hat die UI wirklich getroffen. Die Regler sitzen dort, wo man sie haben will. Das OLED-Display zeigt deine Wellenform in Echtzeit — eine kleine Geste, die das Schrauben tatsächlich intuitiver macht.
Und dieser Joystick? Ein überraschend ausdrucksstarkes Werkzeug für Pitch, Filter oder jedes andere Modulationsziel, das du zuweist. Du wirst ihn öfter benutzen, als du denkst.
Der Motion Sequencer stiehlt allerdings die Show. Er erlaubt dir, Parameter-Automation pro Step aufzunehmen. Filter-Sweeps, Pitch-Drift, Wavetable-Verschiebungen — alles direkt ins Pattern eingebaut. Es ist wie DAW-Automation, nur haptisch und dreckig.
Klartext: Die Kompromisse
-
4-stimmige Polyphonie — Für Lead-Linien, Pads und geschichtete Sequenzen reicht das. Aber wenn du auf große Akkord-Stacks oder Jazz-Voicings stehst, stößt du schnell an diese Grenze.
-
Schmale Tasten — Spielbar, aber wenn du große Hände hast oder ein Piano-Feeling bevorzugst, wirst du das merken.
-
Kein Aftertouch — Schade für expressive Spieler, aber mit Modulations-Routing gibt es Workarounds.
Keines davon ist ein K.-o.-Kriterium. Es sind einfach Dinge, mit denen man lebt — wie Röhrenrauschen oder dieser eine kaputte Fader an deinem Mixer, den du inzwischen einfach zu umgehen gelernt hast.
Fazit: Für Synth-Freaks, Klangbildhauer und Hands-on-Kreative
Der Minilogue XD ist die Art von Synth, die dich dazu einlädt, seltsam zu werden. Er belohnt Neugier. Er versucht nicht, ein Prophet zu sein oder eine Kopie irgendeines Vintage-Klassikers. Er ist sein eigenes Ding — druckvoll, unberechenbar und voller Persönlichkeit.
Für rund 600 € schlägt er sich weit über seiner Gewichtsklasse. Egal, ob du Indie-Filme vertonst, Texturen über Beats legst oder einfach einen nächtlichen Synth suchst, in dem du dich verlieren kannst — der Minilogue XD liefert.
Nicht perfekt. Nicht makellos. Aber immer inspirierend.
Silas Reed ist ein Synth-Historiker und Modular-Addict, der jedes Patchkabel wie einen Satz in einem Gedicht behandelt. Seit über einem Jahrzehnt schreibt er über elektronische Musikgeräte und verbindet tiefes technisches Wissen mit dem Instinkt eines Künstlers. Erwarten Sie Spannung, Einsicht und gelegentliche Eurorack-Rants.
Geschrieben von Silas Reed
Kommentare
Noch keine Kommentare.